Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. September 1995 Jasper von Altenbockum

Der Schweriner Löwe:
Ein Geschenk mit Tücken

Die Schweriner müssen ihren Löwen noch liebgewinnen. Sie könnten sogar stolz auf ihn sein, hätte das Geschenk an die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns nicht seine Tücken. Schon vor der Enthüllung des Denkmals hatte sich in der Stadt herumgesprochen, daß oben auf dem Sockel ein Raubtier zu sehen sein werde, das ein für seine Spezies unübliches Lächeln, ja verschmitztes Grinsen auszeichne.

Wer das in Umlauf brachte, muß gewußt haben, was die vier Seiten der Säule zeigen: Despektierliches.
Da ist einmal ein Herr mit Krone hoch zu Roß zu sehen, der über Leichname geht, der auf allen Vieren als Modell für eben jenen Löwen posiert, dann wieder als Reiter vor einem Spalier entblößter Gesäße auftaucht. So, also einmal ganz anders, lernten die Schweriner ihren Stadtgründer kennen: Heinrich den Löwen. Vor achthundert Jahren ist er gestorben, und daß aus diesem Anlaß nicht nur in Schwerin seiner gedacht wird, sondern überall, wo er sonst noch Spuren hinterlassen hat, deutet doch darauf hin, daß man ihm eine gehörige Portion Respekt entgegenbringt. Auch in Schwerin. Dort wird gleich noch ein zweiter Löwe aufgestellt, ein Abguß des Braunschweiger Machtsymbols, dessen Auftraggeber seinerzeit Heinrich selber war. Schließlich hielt sich der Welfe einiges zugute auf seinen Einfluß als Herzog von Sachsen und Bayern, Kolonisator des slawischen Ostens, dem es schließlich zum Verhängnis wurde, daß er sich mit Kaiser Friedrich Barbarossa anlegte. Zwar endete er nicht so wie jene Untertanen, die ihm das nackte Hinterteil entgegenstreckten – Heinrich ließ sie und ihre aufstrebende Stadt kurzerhand zugrunderichten. Aber so einfach konnte er sich nicht mehr Respekt verschaffen, nachdem ihm Barbarossa einmal alle seine Herzogtümer entzogen hatte. Den bekam er erst wieder nach seinem Tode, was zu den Privilegien historischer Gestalten gehört. …

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