Schwarzwälder Bote 03.08.2004, Ausgabe Calw

Brandstifter oder Blumenkübel
Die Figuren-Trilogie in Hirsau ist umstritten / Kritisiert werden hohe Kosten und fehlender Bezug zu Hirsau

von Frederic Spohr


Calw-Hirsau. Seit knapp einer Woche steht nun schon Peter Lenks Kunstwerk in Hirsau. Die Meinungen der Bewohner über das Kunstwerk gehen stark auseinander. Wir haben nachgefragt.

Das dicke Mädchen steht auf dem Parkplatz der Gemeinde Gottes und bearbeitet energisch schmatzend ihren Kaugummi, der in Ihrem Mund herumspringt.
Nach der Frage, wie sie denn das Kunstwerk fände, blickt sie kurz auf die drei Figuren, dann sagt sie "lustig" und schliesslich noch "irgendwie nett", dann trottet sie davon.
Nicht allen Hirsauern ist die neue "Kunst am Bau" so gleichgültig. Ganz im Gegenteil - der Ort ist gespalten. Hirsau diskutiert über Kultur und Kunst, über Geschichte und deren Bedeutung, über Rockerbraut und Brandstifter. Eine Seltenheit, doch der Diskurs ist dafür um so hitziger.
Gegenüber unserer Zeitung hält man sich jedoch bedeckt. Wem das Kunstwerk gefällt, wird für einen Lüstling und Heimatfeind gehalten. Wer skeptisch ist, dem droht als prüder Kunstbanause abgestempelt zu werden. Hinter vorgehaltener Hand spricht man:"Dem gefällt´s" oder "der gefällt´s nicht".
Die Befragten wollen deswegen grösstenteils anonym bleiben. Name? Auf keinen Fall! Foto? Niemals!
"Skandal!", ruft ein Mann im besten Alter, "50.000 Euro futsch, aber kein Geld für einen Fahrradweg. Und wie passt das mit Hirsau zusammen?". Das Gesicht wird langsam rot.
Seine Frau, die ihn mit Streicheleinheiten zu beruhigen versucht pflichtet ihm bei: " Ein paar hübsche Blumenkübel hätten es an der Stelle auch getan".
Städteplanung und Kultur sind zwei komplizierte Dinge. Kunst oder Blumenkübel? Mit Brandstifter oder ohne?
"Im Ort sind alle gegen das Kunstwerk", sagt eine ältere Frau und wirft verächtliche Blicke auf die Rockerbraut. Doch die Frau irrt sich: Es gibt auch Befürworter der Figuren-Trilogie. Manche wurden durch Rockerbraut und Brandstifter wirklich zum Nachdenken angeregt. "Dass es so viele Diskussionen gibt, ist ja ein gutes Zeichen dafür, dass das Ziel des Künstlers erreicht wurde, weiss ein junger Mann.
Und überhaupt: Warum muss Kunst denn passen? "Dann wär´s ja keine Kunst mehr, wenn´s passt" sagt ein anderer. Ursprünglich hatte er sich die Version mit dem Skelett auf dem Motorrad gewünscht.
Viele Hirsauer haben das Kunstwerk, auch wenn Sie in dessen Nähe wohnen, noch gar nicht gesehen. Sie berichten dann nur von Erzählung ihrer Bekannten und wieder heisst es nur: "Denen gefällt´s" oder eben "denen gefällt´s nicht".

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Schwarzwälder Bote 30.07.2004, Ausgabe Calw

Schwarzwälder Bote

Rockerbraut und Brandstifter wollen zum Nachdenken anregen

Calw-Hirsau. Abt Wilhelm, Gründer des Hirsauer Klosters im Mittelalter, wird flankiert vom Kriegstreiber und Brandstifter Melac, der die heilige Stätte im Barock in Schutt und Asche legte. Auf der anderen Seite des religiösen Bruders: Eine Rockerbraut, die mit einem Hochstarter das Weite sucht.

Von nun an können Autofahrer auf der B 463 in Hirsau diese Figuren-Triologie, geschaffen vom Künstler Peter Lenk aus Bodman am Bodensee, bewundern.

"An diesem Projekt wird deutlich, dass Verkehr und Kunst miteinander vereinbar sind", meinte Klaus Arnold, Leiter des Straßenbauamts in Calw. An der Brücke über die Nagold sei eine Symbiose aus Umgebung und Verkehrsanlage entstanden.

Straßenbauverwaltung und die Stadt Calw hatten einen Wettbewerb ausgeschrieben, um einen würdigen Künstler zu finden. Entscheidend neben ästhetischen und städteplanerischen Kriterien war auch die Verknüpfung zu Hirsaus Geschichte und dem Kloster des Stadtteils.


Auch Oberbürgermeister Manfred Dunst ist angetan von den Skulpturen, die auf zwei bis drei Meter hohen Säulen über der B 463 prangen. "Das Kunstwerk ist eine Bereicherung für Hirsau", lobt er den Bildhauer Lenk. Die drei Figuren würden die Leute zum Nachdenken anregen und vielleicht Berühmtheit weit über den Kreis hinaus erlangen können.

Der Künstler selbst übt sich in Zurückhaltung. Schüchtern, und doch mit klarer, deutlicher Stimme, erklärt er die Bedeutung der Statuen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Lenk hatte, als der Wettbewerb ausgeschrieben wurde, sogleich an einer Führung durch das Kloster teilgenommen, um sich für seine Arbeit inspirieren zu lassen. Danach wurde ihm klar: "Ich will zeigen wer es aufbaute, wer es zerstörte und wem das Ganze egal ist und einfach davonfährt."

Kritiker des Projekts wie Klaus-Dieter Hartmann vom Verein der Freunde des Klosters Hirsau, wurden zu der Präsentation nicht eingeladen. Gegenüber unserer Zeitung kritisierte er die rücksichtslose Durchsetzung des Kunstwerks gegenüber Anwohnern und Vereinen sowie dessen mangelnden Bezug zum Stadtteil Hirsau.

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GÄUBOTE - Tageszeitung im Kreis Böblingen für Herrenberg und das Gäu

Gäubote

30.07.04


Seine Porträts der hiesigen Gastronomen, die das Pendel des Hellmuth Ehrath umstehen, gehören seit der Jahrtausendwende zum Herrenberger Stadtbild. Der Bildhauer Peter Lenk gestaltet seine Figuren üppig, geradezu burlesk und überaus realitätsnah. "Heroische Denkmale" seien seine Arbeiten, wie er selbst erklärt, ganz und gar nicht. Am Mittwoch enthüllte Lenk seine Figurengruppe vor der Klosterruine Hirsau, die genau aus diesem Grunde für Empörung sorgte. Sie zeigt nicht nur den strengen Abt, der das Kloster begründete, sondern auch den Brandstifter der es zerstörte: Melac, General unter Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. "Man nimmt mir nun übel, dass ich dem Melac ein Denkmal gesetzt habe", bedauert Lenk. Das kann der Bildhauer ganz und gar nicht nachvollziehen:"Der Melac wäre sicher nicht froh, wenn er sich so sehen könnte, als gebückte Figur, mit einer Brandfackel in der Hand."

***

Aber dies ist noch nicht alles. denn Lenk wollte der klösterlichen und kriegerischen Vergangenheit in seinem Ensemble auch eine unbekümmerte, lustbetonte und konsumorientierte Gegenwartskultur gegenüberstellen. Er tat dies mit der Figur einer Motorradfahrerin in Hot Pants, die ihm üppig, für manche Geschmäcker gar zu üppig geriet:" Sie hat eine Mordsfigur", findet der Künstler. Gerlinde Hämmerle zumindest, Regierungspräsidentin in Karlsruhe, sagte eine Rede zur Enthüllung der relativ enthüllten Figur ab, nachdem sie ihrer auf Fotografien ansichtig geworden war. Der männliche Kollege, der die Regierungspräsidentin vertrat, fand dagegen, wie Lenk versichert, durchaus Gefallen an seiner Darstellung. Der Bildhauer, geschichtlich beschlagen und gewohnt sarkastisch, bedauert derweil die Rolle, die der Kunst heute von der Kirche zugewiesen werde. "Früher sollten wir Künstler das Irdische, das Höllische und das Himmlische darstellen; gerade die Kirche wünschte damals auch sinnliche Werke"

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