Focus

>>Titel: Kunstdebatte am Bodensee
Text: Der Stein des Anstoßes ist 14 Tonnen schwer, neun Meter hoch und barbusig: die "Imperia" von Peter Lenk, die seit kurzem die Konstanzer Hafeneinfahrt bewacht. Die Idee zu dieser Figur stamme, so der Künstler, aus einer Geschichte Balzacs, in der eine gewisse Imperia das Konstanzer Konzil (1414 - 18) durcheinander bringt. Die 200 000 Mark teure Statue bringt nun die Konstanzer Katholiken durcheinander. Sie empört, daß die Skulptur zwei mit Kaiserkrone und Papstmitra geschmückte Figuren in den Händen hält. Für den Bildhauer handelt es sich um Gaukler, die sich fremde Insignien angemaßt haben. Der Gemeinderat will Ende Mai über den Verbleib der "Imperia" abstimmen. Das Grundstück, auf dem sie steht, gehört allerdings der Bundesbahn. Und die hat ihren Segen längst erteilt. <<
Die Zeit
>>So ein Schlitz im Kleid soll in diesem Sommer der Hit werden - insofern zeigt sich die Beton-Mamsell nahezu topaktuell... Der Fremdenverkehrsverein hat sie in Auftrag gegeben. Freunde der Kunst haben es bezahlt, das ewige Genöle mit den Steuergeldern zieht diesmal nicht... <<
Der Spiegel 20.04.1993
>>Peter Lenk, 45, Bildhauer, vergrämt mit einer riesigen Plastik katholische Geistlichkeit. Für den Hafen der Bodenseestadt Konstanz hat Lenk eine 10 Meter hohe, 18 Tonnen schwere Dame gestaltet. In den Händen trägt das üppige Weib zwei Figuren, die als Papst und Kaiser des Mittelalters zu deuten sind. In einem Brief an den Konstanzer Oberbürgermeister beschwerte sich, noch vor der Enthüllung am vergangenen Samstag. das Erzbischöfliche Ordinariat Freiburg. Die Darstellung sei "geschmacklos und geeignet, den religiösen Frieden zu beeinträchtigen". Der Grund des katholischen Aufruhrs liegt fast 600 Jahre zurück. Damals, 1414 bis 1418, fand das Konstanzer Konzil über Glaubensfragen statt. Mit von der Partie waren neben geistlichen und weltlichen Würdeträgern auch zahllose Damen des horizontalen Gewerbes. Genau eine solche stellt Lenks Prachtweib Imperia dar. "Ein Denkmal der Käuflichkeit", so der Künstler über seine Plastik, "heute so aktuell wie damals", als König und Papst um den wahren Glauben kämpften.<<
Der Spiegel 30.06.1996
>>Peter Lenk, 50, Bildhauer, der mit seinen meist grotesk verzerrten Menschengestalten drastische Anspielungen auf Gesellschaft und Politik verbindet, rächt sich für den Missbrauch eines seiner Kunstwerke. Ein Konstanzer Bordell will sich den Namen "Imperia" zulegen, eben jenen Namen einer historischen Kurtisane, der der Künstler im Konstanzer Hafen ein 10 Meter hohes und 18 Tonnen schweres Denkmal gesetzt hat. Imperia soll während des Konstanzer Konzils (1414-1418) anwesenden geistlichen und weltlichen Würdeträgern zu Willen gewesen sein, freilich nicht nur im Lotterbett, sondern auch als schöngeistige" Gesprächspartnerin. Die "leibhaftige Imperia", so Lenk, "hatte keinen Bordellier nötig". Für eine "trostlose Samenabgabestelle im Konstanzer Industriegebiet", schäumt der Künstler, hätte sie ihren Namen "nie und nimmer hergegeben". Da die Kommune keine Rechte an dem Namen des heimlichen Wahrzeichens der Stadt hat und Lenk "nicht mit Polizei und Gerichten antworten" will, geht der Bildhauer mit Kunst gegen den Namensmissbrauch vor. Lenk stellt in der nämlichen Gegend eine "Erdferkelpyramide" auf, übereinandergeschichtete Schweine mit Männerkopf und prallem Gemächt. Eines der Ferkel soll den Bordell-Investor darstellen, ein anderes ein Lokalpolitiker und ein drittes ein Bundespolitiker, "eventuell Helmut Kohl, denn", so Lenk, "der Staat tut nichts gegen Menschenhandel und Ausbeutung der Frauen" in Bordellen.<<
Stuttgarter Zeitung
>>Es ist schon merkwürdig, dass eine Frau mit einem Herzen aus Stein, die Herzen der Kommunalpolitiker und Leserbriefschreiber so sehr entflammt...<<
Neue Zürcher Zeitung
>>Was für New York die Freiheitsstatue ist, ist in der Bodenseestadt Konstanz neuerdings die Imperia. Außer ihrer Positionierung an der Hafeneinfahrt haben die beiden Frauenfiguren allerdings wenig gemeinsam. Vermittelt die eine in ihrem hochgeschlossenen Kleid und mit der Fackel in der Hand einen züchtigen Eindruck, so zeigt die andere, was sie hat.<<
Frankfurter Allgemeine Zeitung
>>Demontieren will der Konstanzer Gemeinderat die Dame >IMPERIA<. Auf den großen Raffael, der die gleichnamige Kurtisane gemalt hat, beruft sich nun ihr Schöpfer Peter Lenk in seinem Brief an die Konstanzer Stadtväter: Was den Pabst im Vatikan nicht störe, müsse den Gemeinderäten nur recht sein.<<
Thurgauer Volksfreund
>>Als nächstes müssen vor ihrem Sockel mehrere Pfähle in den Seeboden gerammt werden, denn das Wasserwirtschaftsamt befürchtet bereits, dass Imperia zur Lorelei werden könnte und die Kapitäne vor Staunen die Hafenmole rammen könnten.<<
Südkurier
>>Bisher schlugen sämtliche Versuche des Konstanzer Gemeinderates, Imperia von ihrem stählernen Sockel auf der Hafeneinfahrt zu stürzen, fehl...Die schönste Sympathiebezeugung ist ein Schreiben des Freiburger CDU-Frauenstammtisches an das Freiburger Landesdenkmalamt, in dem die Frauen dafür eintreten, die Figur unter Denkmalschutz zu stellen...<<
HWG Zeitung für leichte und schwerer Mädchen / Frankfurt
>>Ist selbst eine Statue mit geschichtlichem Bezug für die >billig und gerecht denkenden< Bürger so bedrohlich, dass sie keinen Platz in ihrer Stadt hat? Vielleicht findet sich ja irgendwo eine Toleranzzone für unsere Kollegin aus der Geschichte.<<
Das Parlament
>>Vom Oberbürgermeister befragt, wann genau die Skulptur nach ihrer Meinung den Leuchtturm zu verlassen habe, entschlüpfte der Kommunalpolitikerin eine Freudsche Fehlleistung besonderer Güte: >Am 31. Oktober 1933<, rief die Dame in die holzgetäfelte Halle des alten Ratssaals in der Konzilstraße.<<
Pontificia Universita Gregoriana aus Rom

Und aus der Pontificia Universita Gregoriana aus Rom verlautete: >>Talent hat er! Ob er genügend Aufnahme findet in unserer Narrenzeit, das wird sich zeigen. Ein Monument aus menschlicher Schwäche zu machen, welche Moral wird daraus zu ziehen sein? Wie wird sich die Ethik mit der Ästhetik verbinden, das ist hier die Frage.<<
>>Süddeutsche Zeitung vom 13./14. April 2002, DIE SEITE DREI
50 Jahre Bundesland Baden-Württemberg (I): Dieser Ort hier, das ist Provinz im allerbesten Sinne des Wortes"
Nachrichten aus dem Sonnenstaat
Walsers Ross, Tchechows letzter Schluck, Heideggers Hütte und das Lächeln der grossen Kurtisane - eine südwestdeutsche Frühlingswallfahrt
Von Benjamin Henrichs
Konstanz, im April - Gewöhnlich ist es ja so: Auf dem schönsten oder wenigstens wichtigsten Platz der Stadt steht ein Denkmal. Es zeigt und es feiert den wichtigen Menschen. Das kann ein Bismarck sein oder ein Wilhelm. Ein Mozart oder ein Walzerkönig. Ein Goethe oder ein Schiller. Staatenlenker, Tonsetzer, Dichter. Männer, Männer, Männer.
Am schönsten Platz der Stadt Konstanz am Bodensee, gleich an der Hafeneinfahrt, steht ein ganz anderes Monument. Ein steinernes Riesenweib, zehn Meter hoch, achtzehn Tonnen schwer. Und dreht sich, seiner Masse zum Trotz, beinahe zierlich um sich selber. Und zeigt kokett ein nacktes Bein. Die Dame (nun muss es heraus!) ist eine Dirne. Die legendäre Renaissance-Kurtisane mit dem Namen Imperia. Eine Machthaberin, eine Weltenlenkerin auch sie - was man schon daran sieht, dass sie lächelnd zwei grämliche, hutzelige Männer auf ihren Riesenhänden balanciert. Der eine ist der Kaiser, der andere der Papst.
Konstanz, zwölf Uhr mittags. In der maßvoll prächtigen, sehr gutbürgerlichen Gastwirtschaft Barbarossa treffen wir den Mann, der den Konstanzern die Große Kurtisane beschert hat: Peter Lenk, Bildhauer, 1947 in Nürnberg geboren, seit drei Jahrzehnten am Bodensee ansässig.
Badische Erdferkel
Während er frohgemut einen Fisch verzehrt, erzählt der Künstler, mit viel Gelächter, von den zahllosen kleinstädtischen Kämpfen, die der Inthronisation Imperias vorangingen. Von Verbotsanträgen und Abrissbeschlüssen im Gemeinderat. Die steinerne Schöne hat dies alles siegreich überstanden. Wozu natürlich auch gewisse Kriegslisten gehörten. Zum Beispiel der Hinweis darauf, dass es sie bei dem skandalösen Weib nicht um eine vulgäre Dirne handele, sondern gewissermaßen um ein Kulturgut der Menschheit: Frau Imperia, schon von Raffael gemalt, bereits von Balzac bedichtet. Und Kaiser und Papst seien auch nicht Kaiser und Papst, sondern arme Gaukler, die nackt und narrenhaft Kaiser und Papst spielen. Aber natürlich, sagt Lenk, hätten solche feinen Erläuterungen , die Aufgebrachten nicht wirklich beschwichtigen können. Manchmal habe ihn nur noch ein Kampfspruch, an den glücklichen Ausgang des Abenteuers glauben lassen: "Wenn du schon verloren hast, kannst du nur noch gewinnen."
Am Nachmittag, auf einer kleinen Bodensee-Rundfahrt, zeigt uns Lenk dann noch andere Exempel seines steinernen Theaters. Zuerst den großen Konstanzer "Triumphbogen": dreißig Brunnenfiguren rund um das Thema "Autowahn". Groteske Motor- und Motorradnarren. Nymphen von schöner und solche von erschreckender Gestalt. Am Boden des Denkmals hocken kleine, fette Fabeltiere: Erdferkel mit höchst bürgerlichen Menschenköpfen. Mit badischen Honoratiorenschädeln. Und schauen Sie jetzt bitte mal", sagt Lenk, "die Hodensäcke dieser Erdferkel an. Im pietistischen Stuttgart hätte man sie in der erste Nacht weggehauen. Hier aber nicht. In Konstanz nicht." Und während wir von Lenk-Werk zu Lenk-Werk fahren, jetzt auch übern See, Richtung Meersburg und Überlingen, lobt der Bildhauer das Land, das seine plastischen Taten und Untaten erträgt. "Anderswo wäre das alles nicht möglich. In Bayern? Völlig unmöglich. Das hier ist schon eine liberale Ecke des Landes." Später wird er sogar sagen: "Das ist hier ein liebliches Land." Allerdings sei es nicht der reine Freisinn, der regiere, sondern eine gewisse Lässigkeit, vielleicht auch Zaghaftigkeit. Schon die badischen Freiheitskämpfer, im 19. Jahrhundert, hätten nach der Devise agiert: Keine Revolution bei schlechtem Wetter!
Jetzt stehen wir am Überlinger Seeufer vor der Monumentalgruppe "Der Bodenseereiter", im Jahr 1999 vollendet. Der Lenk-Kenner sieht natürlich sofort die nun schon vertrauten Lenk-Gestalten. Die grotesken Wasserspeier. Die prallen und die verrunzelten Nymphen. Doch dann geht der Blick hinauf zum Ross und zum Reiter. Nein, ein Zweifel ist nicht möglich: Dieser etwas krumme und offenkundig sehr verdrossene Mann zu Pferde (mit einer Ohrenmütze auf dem Kopf und Schlittschuhen an den Füßen) hat das Gesicht des berühmtesten aller Bodenseebürger, des deutschen Dichters Martin Walser, der nur ein paar Kilometer von hier entfernt, im Ort Nussdorf, wohnt. Walsers Ross allerdings ist eine arge Mähre: weniger ein fliehendes als ein siechendes Pferd.
Am Abend nach der Expedition (die im Dorf Bodman endet, ganz am Westrand des Sees, im Skulpturengarten des Bildhauers, wo sich alle Figuren des Künstlers Lenk in einer phantastischen Vollversammlung treffen) besuchen wir im Konstanzer Hafen noch einmal die Frau Imperia. Längst ist aus dem Skandal von ehemals ein Stück respektabler Bodensee-Folklore geworden. Und vor allem die japanischen Touristen wollen, wenn sie hier an den See kommen, zwei anerkannte Wunder bestaunen. Mainau natürlich, die Blumeninsel. Aber auch die Riesendame Imperia, zu der wir jetzt ein letztes Mal hinaufblicken. Sie dreht sich langsam im Abendlicht. Dreht sich und lächelt.
Wunderliches Badenweiler
Keine Überraschung: Der Sonntag in einem deutschen Kurort ist ein stiller Tag. Nur wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs, Senioren vor allem. Der eher nachdenklichen, nicht der aufgekratzt-frohsinnigen Art. Nicht das Kaffee- oder Butterfahrtpublikum.
Man kann jetzt still durch den schönen Kurpark gehen, hinauf zur Burg. Oder man kann im modernen Kurhaus, das leider einem Parkhaus gleicht, den "Tschechow-Salon" besuchen: ein kleines Museum, untergebracht ein Stockwerk unter dem Büro des "Teams Telekom".
In Badenweiler nämlich, im grausam heißen Juli des Jahres 1904, ist der Dichter Anton Tschechow gestorben. "Ich sterbe", hat er kurz vor seinem Tod gesagt, auf Deutsch, dann hat er sich Champagner bestellt, sehr langsam das Glas ausgetrunken und sich zur Seite gedreht.
Und war tot.
Bis in seine letzten Tage hatte der Dichter mit aller Aufmerksamkeit den sonderbaren Kurort und diese wunderlichen Deutschen studiert. Was für ein beunruhigend ruhiges Volk! Und wie erstaunlich hässlich die Kleider der Frauen!
Das ist jetzt bald einhundert Jahre her. Doch wer an diesem Sonntagnachmittag durch Badenweiler geht, könnte ungefähr dasselbe nach Hause schreiben wie der Dichter damals: "Badenweiler ist ein sehr origineller Kurort - aber worin seine Originalität besteht, ist mir noch nicht klar geworden."
Freiburg leuchtet
Wir sehen einen Kampf unter Männern. Aber kein edler Wettstreit ist das, sondern ein hässlich einseitiger. Ein feister, gemein grinsender Kerl hat ein armes, dürres Männlein gepackt und zerquetscht es nun fast in einer brachialen Umarmung. Wir sind im Museum für Stadtgeschichte zu Freiburg im Breisgau und erblicken, auf einem fünfzig Jahre alten Wahlplakat, ein derbes politisches Gleichnis. Der dicke Unhold, er verkörpert den übermächtigen Württemberger, den würgenden Schwaben. Und sein Opfer, das ist das Land Baden.
Vor fünfzig Jahren ist der Südweststaat, ist also das Bundesland Baden-Württemberg entstanden - das heute so geliebte, das von allen beinahe immerzu gelobte Land. Dabei ist seine Geburt ein Ereignis voller Wut und Wehen gewesen. Zwar hatten die Nordbadener in einem Referendum dem neuen Gebilde zugestimmt und die Bürger aus Württemberg-Hohenzollern erst recht - die Südbadener aber wollten es nicht, das neue Bundesland. Sie wurden überstimmt und grollten lange.
Heute, so scheint es, ist dieser Zorn verraucht - nur noch in folkloristischen Resten lebendig. Wenn zum Beispiel die Fußballer aus der wenig geliebten Landeshauptstadt Stuttgart in den Breisgau kommen und sich von den Freiburgern, die sonst ja als ein eher freundliches Publikum gelten, die garstigsten Sprechchöre anhören müssen. "Zieht den Schwaben die Spätzle aus dem Arsch! " Worauf die Schwaben, schlau und gebildet, wie sie sind, natürlich mit Samuel Beckett antworten könnten, mit dem berühmten Reim aus dem "Godot": "Breisgau Scheißgau" Sie könnten es, sie tun es aber nicht.
Der Freiburger Kabarettist Matthias Deutschmann führt uns durch seine Stadt. Und natürlich geht gleich der erste Weg hinaus auf den Münsterplatz, zur Kirche mit den rot leuchtenden Steinen und dem "schönsten Turm der Christenheit". Wahrscheinlich ist das hier Deutschlands anmutigster Platz und gewiss sein südlichster. Mit den bunten Marktbuden, den stattlichen Gasthäusern, dem heiter-lässigen Treiben des Volkes. Stuttgart, die kleine schwäbische Hauptstadt, liegt irgendwo hinter den Bergen, hinter Schwarzwald und Alb. Berlin, die große deutsche Hauptstadt, ist fern von hier wie eine andere Welt.
Gleich hinter dein Gotteshaus steht das "Haus der Badischen Weine". Württemberg, so erklärt uns nun kennerhaft der Kabarettist Deutschmann, produziere auf einer weitaus kleineren Anbaufläche mehr Wein als der Nachbar Baden. Und man könne sich ja leicht vorstellen, was das für die Qualität bedeute "Sie kennen doch sicher diesen Werbespruch: Kenner trinken Württemberger! Darüber kann man hier doch nur lachen! "
Er wolle, das sagt Deutschmann immer wieder, auf dem langen Stadtrundgang erst durchs alte, dann durchs alternative Freiburg, keine Liebeserklärungen an die Stadt abgeben - und tut es nach Kräften dann doch. "Ein sehr angenehmer Ort" sei das hier schon, man müsse nur aufpassen, dass man nicht "in die Gemütlichkeitsfalle" hineintappe.
Ob man in der Breisgauer Idylle die für seinen Beruf ja doch wohl notwendige Angriffslust nicht verlieren könne? "Ich muss nicht in der Nähe des Reichstags wohnen, um mich über die Politiker dort zu erregen." Außerdem, ein paar Jahre lang habe er in Berlin gelebt, aber seltsam: Die Riesenhaftigkeit der Stadt, die fand er eher drückend als befreiend. "In Berlin brauche ich einen Mittagsschlaf. In Freiburg nicht." Kurzum: "Dieser Ort hier, das ist Provinz im allerbesten Sinne des Wortes."
Und auch, dass immer nur die eine selbe Partei in einem scheinbar ewigen Regiment über den deutschen Südwesten regiert, kann ihn nicht wirklich erschüttern. Und so sagt er über die Landesherren, all die Kiesingers und Filbingers, die Teufels und die Späths: "Für die Sonne können sie nichts. Für den Wein können sie nichts. Für die bevorzugte Lage des Landes können sie nichts. Auch wenn sie sich dies alles gern selber zuschreiben."
Hohe Zeit der Philosophie
Von Freiburg hinauf in den Schwarzwald. Durch ein ziemlich finsteres Bergtal, vorbei an einer Stätte mit dem Namen "Notschrei". Ziel der Exkursion ist ein von allerlei deutschen Mythen umrauntes Bergdorf: Todtnauberg, wo des Philosophen Martin Heidegger berühmte "Hütte" steht. Rudolf Augstein ist hier gewesen, zum längst legendären Spiegel-Gespräch, und man hat noch die Fotos von damals vor Augen: wie der sehr schmächtige Journalist und der noch kleinere Schwerdenker einträchtig-selbzweit durch die Landschaft wandern.
Mit einiger Mühe (und von Dorfbewohnern sachkundig instruiert) haben wir hoch am Hang Heideggers Hütte gefunden. "Das Haus mit den grünen Fensterläden, das ist es! " Aber der erhoffte Schauder will sich nicht einstellen. Vielleicht ist auch das, wie so vieles im Leben, eine Wetterfrage. "Wenn, in tiefer Winternacht", so hatte der Philosoph einst feierlich erklärt, "ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die Hütte rast und alles verhängt und verhüllt, dann ist die hohe Zeit der Philosophie." Heute aber ist der freundlichste aller Frühlingstage, Todtnauberg ein reizend-biederer Bergort wie abertausend andere - und also vernimmt der Reisende heute auch nicht die Donnerstimme des Weltgeistes, bloß das verliebte Lärmen der Vögel.
Viel Zeit, bis der Bus kommt, zurück ins Tal, nach Freiburg. Schön, dass es gleich bei der Bushaltestelle ein Gasthaus gibt. Da kehrt man gern ein. Kein Schneesturm droht. Der Wei ist gut, und lustig lärmt die Kuckuksuhr.

