Stuttgarter Zeitung 02.06.2003
Denkmal
Hölderlin im Kreisverkehr
Lauffen/Neckar - Die Geburtsstadt des Dichters Friedrich Hölderlin, Lauffen am Neckar, hat ihren berühmten Sohn erstmals mit einem Kunstwerk geehrt. Unter dem Titel "Hölderlin im Kreisverkehr" konzipierte und gestaltete der Bildhauer Peter Lenk eine große Skulpturengruppe im Steinguss.
Die einzelnen Elemente finden ihren Platz auf einer dem Buchstaben "H" nachformten Konstruktion. Lenk wollte nach eigener Aussage nicht nur den Dichter darstellen. Wichtig sei ihm auch die Stellung des Poeten in seiner Zeit und seine Wirkung bis in die Gegenwart gewesen, erklärte der Künstler nach der Enthüllung der Skulptur.
Lenks Figurengruppe zeigt unter anderem Hölderlin als vierjähriges Kind und als Erwachsenen auf der "H"-Achse. Beide halten das Gleichgewicht auf einem riesigen Federkiel. "Diotima", sowohl Heldin von Hölderlins "Hyperion"-Roman als auch Sinnbild für die Geliebte des Dichters, Susette Gontard, stellt er nackt als antike Schönheit in hingebungsvoller Haltung dar. Goethe und Schiller entwachsen als olympische Titanen aus einem Leib: Der Lorbeerkranz haltende Schiller in idealistischer Pose, Goethe dagegen weist mit dem Daumen nach unten und verdeutlicht so seine bekannte Ablehnung Hölderlins. Herzog Carl Eugen von Württemberg steht an höchster Stelle in absolutistischer Herrschaftspose auf einem erlegten Hirschen.
Das Denkmal kostete 130.000 Euro. Die Kosten für das Auftragswerk der Stadt wurden zur Hälfte aus dem Etat Lauffens, zur anderen von Sponsoren erbracht.
Johann Christian Friedrich Hölderlin, geboren 1770, studierte Theologie am Tübinger Stift. Später wurde er Hauslehrer bei der Bankiersfamilie Gontard in Frankfurt, doch die Beziehung zur Hausherrin Susette Gontard führt zur Entlassung. Nach Aufenthalten als Hofmeister in Hauptwil (Schweiz) und im französischen Bordeaux wird er nach einem psychischen Zusammenbruch zur Behandlung in eine Heilanstalt eingewiesen und 1807 als unheilbar entlassen. In Tübingen nimmt ihn eine Schreinerfamilie auf und pflegt ihn bis zu seinem Tod im Jahre 1843.
dpa/lsw
02.06.2003 - aktualisiert: 02.06.2003, 14:20 Uhr
Stuttgarter Zeitung 31.05.2003
Wo Hölderlin aus der Balance gerät - Lauffen erinnert an den Dichter
Wenn der Bildhauer Peter Lenk am Werk ist, ist das immer-auch ein Balanceakt zwischen öffentlicher Zustimmung und Ablehnung. Richtig vergnügt war Lenk, als er jetzt in Lauffen am Neckar sein Hölderlin-Kunstwerk mit dem Zusatztitel "Hölderlin im Kreisverkehr" als Auftragsarbeit der Stadt errichtete. 130000 Euro hat es gekostet, die Hälfte davon haben Sponsoren bezahlt. Es ist das erste Denkmal, das Lauffen seinem berühmten Sohn setzt. Der Titel des Werks erklärt sich durch' seinen Standort auf einer Verkehrsinsel. Bürgermeister Waldenberger will, dass künftig niemand mehr in Lauffen an Hölderlin vorbeikommt. Zugleich ergibt sich durch die Dimension der Skluptur eine Sichtachse zum Klosterhof-Areal, wo Hölderlin bis zum vierten Lebensjahr lebte. Den Vierjährigen hat Lenk als Teil der Skulpturengruppe auf einem filigran wirkenden "H" als wonniges Bübchen arrangiert: der erwachsene Hölderlin ist dagegen tragische Randfigur der Klassik. Folgerichtig steht die Olympiergruppe Goethe und Schiller im Mittelpunkt: Goethe als Titan mit Fettansatz, der den Daumen nach unten beugt, Schiller hält - ein Zitat der Büste von Dannecker - in idealistischer Pose den Lorbeerkranz hoch. Diotima ist eine klassische Schönheit. Peter Lenk sagt zu seinem Werk: "Es geht um die Balance: bei der Dichtkunst, bei der Liebe und bei der Macht." Dass kaum ein Dichterleben mehr aus Balance geraten war als das von Hölderlin, hat er deutlich sichtbar gemacht. So hat er sein Werk mit einem Herzog Carl Eugen: auf dem erlegten Württemberger Hirsch gekrönt. Die Herrschaftspose des Absolutisten zeigt, dass Hölderlin nicht nur an der Liebe, sondern auch an der Politik verzweifelte. (bp) Foto Wachter
Heilbronner Stimme 02.06.2003
"Balance bei Dichtkunst, Liebe und Macht"
Von Ulrike Kieser-Hess
"Wer in Lauffen egal von wo, egal wohin will, ab heute kommt er an Friedrich Hölderlin nicht mehr vorbei", konstatierte der Lauffener Rathauschef Klaus-Peter Waldenberger mit "beinahe kindlicher Freude ", angesichts des neuen Hölderlin-Denkmals inmitten des Kreisverkehrs Richtung Brackenheim und Nordheim, das gestern enthüllt wurde.
Schon im Jahr 2000 bei einem Besuch des Gemeinderates im Atelier des Bodmaner Künstlers entstand die Idee, Lauffen und Peter Lenk künstlerisch zusammenbringen. Der Bildhauer und Steinmetz vom Bodensee sucht in seinen Arbeiten, bekannt sind unter anderem der " Bodenseereiter" oder die "Imperia" an der Konstanzer Hafeneinfahrt, immer einen literarischen oder geschichtlichen Bezug zu den Städten, in denen sein Kunstwerk stehen soll. Für Lauffen war der Bezugspunkt schnell gefunden, der berühmteste Sohn der Stadt, Friedrich Hölderlin.
Ein Jahr lang hat sich Peter Lenk intensiv mit Hölderlin beschäftigt. Die Lauffener gehen mit der daraus entstandenen Arbeit, "konsequent einen Schritt auf Hölderlin zu", so der Bürgermeister in seiner Enthüllungsrede. "Mit dieser Arbeit baut sich kein Gemeinderat oder Bürgermeister ein Denkmal, macht sich Peter Lenk kein Spässle, wie so mancher oberflächlich betrachtet erwartet hatte, jeder Eurocent, jede Bemühung, jeder gedankliche und kreative Akt verpflichtet sich ausschließlich dem Dichter".
Noch waren die Figuren von "Hölderlin im Kreisverkehr", angeordnet auf einem geschwungenen H und einer 7,32 Meter langen Feder mit Planen verhüllt. Aber für Klaus-Peter Waldenberger war klar, dass "Peter Lenk dieser Aufgabe locker gewachsen war". Bettina Lenk hatte die Enthüllungsfäden in der Hand, löste nach und nach die Figuren aus ihren Verschnürungen, was sich als gar nicht so leicht erwies.
Schon der kleine Fritz auf der Federspitze sitzend, "mit einem Lachen, einer Freude in den Augen, wie wir sie nur von Kindern kennen ", so der Rathauschef, widersetzte sich dem Auspacken ein bisschen. Aber eine kleine Brise und Geschick des Enthüllungsteams sorgten dafür, dass unter dem Applaus der mindestens 500 Besucher der kleine Hölderlin das Licht der Lauffener Denkmal-Sommer-Welt erblickte.
Ihm folgten, umrahmt von der Lesung von Hölderlin-Textstellen durch Uwe Ehrenfeld und Heiko Schwarz, Schiller und Goethe, Herzog Carl Eugen, Diotima, der erwachsene Hölderlin und Friedrich Nietzsche.
"Hölderlin im Kreisverkehr", ist für Regierungsvizepräsident Horst Rapp ein Werk, das "der Künstlerpersönlichkeit Hölderlins in zeitgemäßer Form gerecht wird und aus Lauffens Erscheinungsbild bald nicht mehr wegzudenken sein wird". Künstler Peter Lenk, dem es um eine "Balance bei der Dichtkunst, bei der Liebe und bei der Macht " geht, ist eigentlich froh, "dass nicht alles so geworden ist, wie ich es mir vielleicht am Anfang vorgestellt habe. So bin auch ich überrascht, wie es rauskommt".
Klaus-Peter Waldenberger resümierte schließlich auch über die Kosten von 130 000 Euro, von denen die Sponsoren (Kreissparkasse, ZEAG, Firma Schunk) die Hälfte tragen: "Ich denke, das sollte es uns Lauffenern wert sein."
02.06.2003
Express 4.06.2003
Gelungene Kulturpolitik
Nie beendet sein wird die Diskussion um die Kunst beziehungsweise um die Skulptur im öffentlichen Raum. So wird jetzt auch heftig gestritten werden über Peter Lenks "Hölderlin im Kreisverkehr".
Dieses Kunstwerk erinnert gekonnt an den grossen Sohn der Stadt und ist gleichzeitig Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins in Lauffen am Neckar. Die Figuren fordern freilich zur Kritik und fordern gleichzeitig zur Liberalität und Toleranzn haraus. Damit inszenierte der Lauffener Gemeinderat als Auftraggeber ein gewichtiges Stück Kulturpolitik und setzte ein gelungenes Beispiel, wie man sich wirkungsvoll mit der eigenen Stadtgeschichte auseinandersetzt.
Es ist zu hoffen, dass Lenks "Hölderlin im Kreisverkehr" anderen Komunen als Vorbild und Anregung dient. Vor allem Gemeinden, in denen heute noch ein alter Spruch dominiert:"Wir brauche koi Kunscht, sondern Grumbiere."
Siegfried Schilling



