Schwäbische Zeitung / 7.Juni 2002

Artikel: Schwäbische Zeitung / 7.Juni 2002 Boshafter Blick auf den Kindermarkt

Boshafter Blick auf den Kindermarkt

RAVENSBURG - Jetzt hat also auch Ravensburg seinen Lenk. Der Bodmaner Bildhauer Peter Lenk, berühmt-berüchtigt für seine ironisch-boshaften Skulpturen (zuvorderst die Konstanzer Imperia), hat sich mit dem Ravensburger Hütekindermarkt beschäftigt. Das Ergebnis lässt sich an der Ecke des frisch sanierten Gebäudes in der Bachstraße 44, der neuen Adresse von Juwelier Bartels, besichtigten.

Von unserer Redakteurin Sibylle Emmrich

Die gut vier Meter hohe Betonskulptur zeigt ein schmächtiges Bürschchen,
auf dem eine knochige Gestalt hockt, auf der wiederum ein scheinheiliger Geistlicher thront. Das Ganze wird gekr”nt von einer goldenen Krone, dem restaurierten Ausleger der alten Wirtschaft Krone. Und just vor diesem Gasthaus fand bis ins 20. Jahrhundert hinein der Ravensburger Kindergesindemarkt statt, bei dem sich die Hütekinder aus den armen Bergregionen Vorarlbergs, Tirols und Graubündens als Saisonarbeitskräfte verdingten (sh. den SZ-Artikel "Kindergesindemarkt in der Bachstraße) vom 6. Juni.

Nur wer dieses Kapitel der Heimatgeschichte kennt, wird die Aussage der Lenk'schen Figurengruppe überhaupt verstehen. Und nur wer mit Lenks Handschrift und Humor etwas anfangen kann, Wird diesen eigenwilligen, augenzwinkernden künstlerischen Fingerzeig gut heißen. Schon jetzt rührt sich neben Lob und Gelächter auch schon ernsthafte Kritik.

Die Auftraggeber, die Juweliere Bartels, wollen erklärtermaßen eine Beitrag zur Diskussion und Verarbeitung der Hütekinderthematik leisten. Dabei sollte sowohl eine Verharmlosung als auch eine Dramatisierung der damaligen Verhältnisse vermieden werden. Der Betrachter soll seine Phantasie spielen lassen und sich ein eigenes Bild machen. Lenks Darstellung ist jedoch, wie gewohnt, ironisch bis boshaft: Das Bauernbüble mit dem trotzigen Blick muss den Knecht tragen, der die Rute schwingt, und darüber einen feisten Pfaffen.

Gemessen an sonstigen Werken des Bodmaner Provokateurs ist diese Skulptur jedoch noch recht zurückhaltend. Die prall-erotische Konstanzer Imperia, der freche Autofahrerbrunnen, ebenfalls in Konstanz, der mürrische Walser in Überlingen oder die neueste Schöpfung (ein vierfach salutierender "Bootschafter" Scharping in Stockach) sind da weitaus deftiger.

Dass die Skulptur (weil Kunst) quasi über Nacht und ohne Baugenehmigung am Gebäude Bachstraße 44 angebracht wurde, stört OB Hermann Vogler wenig. Er findet's recht gelungen, ein ironisch-treffender Beitrag zur Stadtgeschichte und -verschönerung. So sieht's auch Stadtarchivar Dr. Andreas Schmauder. Lenk habe halt eine künstierische Interpretation des Themas geliefert.

Ob er damit die Rolle der Kirche bei der Begleitung der Hütekinder richtig darstellt, das sei freilich sehr fragwürdig. Da bestünde noch Forschungsbedarf, auch wenn die Stadt Ravensburg sich mit der Ausstellung im Vogthaus vor vier Jahren und der entsprechenden Begleitforschung bereits des Themas wissenschaftlich angenommen habe. Henning Bartels, der mit Bruder und Vater das Juweliergeschäft führt, weiß jedoch, dass Lenk damit auch die Rolle der katholischen Kirche beim Zustandekommen der kinderreichen, bitterarmen Bergbauernfamilien kritisch bedacht hat. Schließlich führte erst dieser Kinderreichtum zum "Sklavenmarkt" nach Ravensburg.

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