Sonntag Aktuell 10. Oktober 2004

Schopfheim debattiert über ein umstrittenes Denkmal - Erwin Teufel als finsterer Reaktionär
" Die Pickelhaube steht ihm gut"
Skandal in Schopfheim: Die Stadt im Kreis Lörrach besitzt seit vergangener Woche eine Skulptur des Bildhauers Peter Lenk, der die Revolution von 1848 thematisiert: Auf der einen Seite die Anarchisten, auf der anderen die Reaktion in Form eines sechsfach geklonten Soldaten mit dem Gesicht von Erwin Teufel. Ist das noch Kunst?
Herr Lenk, wussten die Schopfheimer, auf was sie sich einlassen?
Nein, sonst wäre die Skulptur wahrscheinlich nicht dort. Der ehemalige Schopfheimer Bürgermeister hat mich gefragt, ob ich ihnen ein Denkmal mache. Ich habe mich dann über die Geschichte Schopfheims beim Kulturamtsleiter Strütt erkundigt und erfahren, dass 1848 die Badischen Revolutionäre durch Schopfheim zogen. Zwei Bürger und ein Hund schlössen sich an. Damit hatte ich mein Thema gefunden.
Und die sechs Teufels?
An die dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Zunächst baute ich ein kleines Modell und lud den Gemeinderat zur Besichtigung ein. Die Hälfte kam, die anderen waren beleidigt, weil ich nicht zu ihnen reiste.
Und die Reaktion?
Es gab die Debatte ob man nicht einen einheimischen Künstler beauftragen sollte. Aber ich habe festgestellt: Geliebte und Künstler nimmt man lieber aus dem Nachbarort.
Die Entscheidung für Ihr Werk war ja denkbar knapp.
Stimmt, am Ende entschied eine Stimme.
Und warum haben Sie unseren Ministerpräsidenten verarbeitet?
Die Idee kam mit erst später. Teufel steht für ein System, das unsere Demokratie immer deutlicher durch das Feudalprinzip ersetzt. Politiker bereichern sich immer dreister, verschieben höchst bezahlte Vorstandsposten an ihre Parteikumpel und schaffen sich gar eine eigene Gerichtsbarkeit, die sie von allen Gaunereien freispricht. Denken Sie nur an den Ehrenwortbuben Kohl, an Scharping oder Döring. Eine ehrenwerte Gesellschaft. Irgendwann stolpern sie dann doch über ihren eigenen Machtmissbrauch, und das ist der Sinn der Figur von Fritz Teufel auf meinem Denkmal. Der humorvolle 68er-Anarchist zielt mit einer Pistole auf seinen Namensvetter. Über dem Abzug der Pistole ein Kasperkopf: Erwin. Er zielt also mit dem Teufel auf den Teufel. Das System erledigt sich selbst.
Sie mögen unseren Landeschef nicht besonders?
Stimmt. Wenn er sich so verhält, nicht.
Vielleicht schätzen Sie ihn ja falsch ein, und er lacht über ihre Skulptur?
„ Kein Kommentar!", wird er sagen. Ich kenne doch meine Pappenheimer. Um momentan darüber zu lachen, müsste er ganz schön üben. Tröstlich, dass ihn in siebenfacher Ausfertigung so schnell keiner mehr wegmobben kann.
War er denn schwer zu modellieren?
Nein, er hat ja einen markanten Kopf und mit seinem schiefen Mundwinkel kein Nullachtfünfzehn-Gesicht. Es gibt auch eine prima Vorlage im Internet, nämlich ein Bild, das ihn mit Pickelhaube bei der Fastnacht zeigt. Die steht im wirklich gut, die Pickelhaube.
Und hat Ihre Skulptur jetzt den revolutionären Elan in Schopflieim angefacht?
Naja, damals bei der Badischen Revolution von 1848 sind nur zwei Schopfheimer mitmarschiert. Von den örtlichen Gewerbetreibenden haben aber immerhin vier von 80 das Plakat zur begleitenden Ausstellung aufgehängt. Das ist doch ein Fortschritt.
Das Gespräch führte Martin Gerstner
p.s. Der Ministerpräsident wurde von der Stuttgarter Zeitung inzwischen zu seiner Meinung über sein Denkmal befragt.
Erwin Teufel: Kein Kommentar.
Stuttgarter Zeitung 04.10.2004
Der sechsmal geklonte Erwin stürmt der Reaktion voran
Wie der Bildhauer Peter Lenk dem 1848/49 so gar nicht aufsässigen Schopfheim zu einer Großplastik zur Badischen Revolution verhalf
Seit gestern hat die Stadt Schopfheim (Kreis Lörrach) eine Plastik zur Badischen Revolution des Bildhauers Peter Lenk, die für Diskussionen sorgen dürfte. Kein anderer als Ministerpräsidenten Erwin Teufel repräsentiert, sechsfach geklont, die Reaktion in Person des preußischen Soldaten.
Von Wolfgang Messner
Forscht man nach heldenhaften Geschichten zur Rolle Schopfheims in der Badischen Revolution von 1848/49, kann man lange suchen und wird bei bestem Willen nichts finden. Im Gegenteil, die braven Schopfheimer Bürgersleut" taten alles dafür, damit die Obrigkeit obsiegte. Bei Schopfheim wurde die Revolutionstruppe des Dichters Georg Herwegh am 27. April 1848 geschlagen und am 25. September desselben Jahres Gustav Struve durch Zutun von Schopfheimern verhaftet.
Als der Zug des Revolutionärs Friedrich Hecker mit 800 Freischärlern am 18. April 1848 in die Stadt kam, waren die Stadtbewohner dann auch alles andere als begeistert. Ihr Anführer Hecker hielt eine Rede auf dem Rathausbalkon, um den revolutionären Eifer der Einwohner anzustacheln. Gerade zwei Bürger folgten den Aufständischen. "Die Schopfheimer Geldsäcke", erinnerte sich später Struve, "waren keineswegs geneigt, der Sache des Volkes einen Theil ihres Eigenthums, geschweige denn ein Tröpfchen ihres kostbaren Blutes zum Opfer zu bringen." Einer solchen Stadt ein Monument zur Badischen Revolution zu verschaffen, zeugt von einer, man darf sagen, geradezu teuflischen Durchtriebenheit. So etwas vermag kaum einer besser als Peter Lenk, der "Agent Provocateur" und "Skandalbildhauer" aus Bodman-Ludwigshafen (Kreis Konstanz), als den ihn die "Badische Zeitung" hochleben lässt. Zu verdanken haben dies die Schopfheimer dem Vermächtnis ihres Künstlers Fritz Heeg-Erasmus. Der hatte der Stadt ein Grundstück zur Verfügung gestellt, dessen Verkaufserlös Kulturzwecken dienen sollte. Der alte CDU-Bürgermeister Klaus Fleck und sein Nachfolger und Parteifreund Christian Nitz waren der Ansicht, man müsse für rund 100 000 Euro einen Lenk haben - auch der Touristen wegen. Der Gemeinderat war nur schwerlich zu überzeugen - am Ende ging der Antrag mit zwei Stimmen Mehrheit durch. So mancher Gemeinderat ärgert sich noch immer so, dass er gestern lieber fern blieb, als sich die Enthüllung des Lenkwerks anzutun.
Der 57-Jährige gebürtige Nürnberger spaltet die Betrachter. Der Bildhauer ist ein bukolischer, burlesker, zutiefst gegenständlicher und damit dem abstrakten Kunstgeschmack seiner Zeit entrückter Figurenerschaffer. Seine mittelalterlich anmutenden Objekte lädt er mit gegenwärtiger Bedeutung auf, die etliche Zeitgenossen verschreckte - nicht zuletzt, weil sich so mancher figürlich wieder erkannte.
Lenk treibt seine Kunst mit Hintersinn. Hier passiert nichts zufällig, alles ist wohl überlegt arrangiert. Weil Lenk es in seiner Darstellung des Körperlichen und des Geschlechtlichen nicht an Deftigkeit fehlen lässt, hatte er bei seinen Aktionen stets einen öffentlichen Eklat oder handfesten Skandal mitgepachtet. Den könnte es dieses Mal durchaus wieder geben. Am Rathaus, wo einst der arme Hecker vergeblich um Beistand der Schopfheimer bat, stellte Lenk gestern zum Tag der Deutschen Einheit seine 20 Meter lange und gut sieben Meter hohe Großplastik auf. Ganz hinten sieht man den Hecker mit seinem unverkennbaren gleichnamigen Hut stehen und die Richtung angebend. Struve schiebt, fast liegend, die Kanone mit letzter Kraft an. Auf deren Rohr sitzt keine geringere als Emma Herwegh. Die Frau des Freiheitsdichters, ein resolutes Weib, befehligte mit Revolver im Strumpfband einst selbst die Truppen. Bei Lenk hat die deutsche Madeleine ihren Rock gelüpft und zeigt der Reaktion ihre voluminöse Kehrseite.
Die Reaktion, dass sind die Preußen. Die sollten mit ihren Truppen den revolutionären Umtrieben im Sommer 1849 endgültig den Garaus machen. Die Staatsmacht repräsentiert bei Lenk einer, der dafür auch im Hier und Jetzt zuständig ist: Ministerpräsident Erwin Teufel. Mit Pickelhaube und Sturmgewehr schreitet er, sechsfach geklont, verbissen gegen den chaotisch anmutenden Haufen der Aufständischen voran.
Teufel habe sich durch seinen "Postenschacher für die Satire qualifiziert", begründet Lenk seine Wahl, die Teufel "das erste Denkmal zu Lebenszeiten" beschert. Lenk sieht Teufel auf dem "Weg vom Landesvater zum Landesfürsten". Indem er "Geburtsadel durch Parteiadel mit Erbanspruch für höchstdotierte Vorstandsposten" ersetzte, habe er sich als "Erneuerer feudaler Strukturen in Baden-Württemberg" verdient gemacht. Damit er die "Treue zu Parteifreunden nicht übertreibt", treibt Lenk den Spaß mit dem Politiker auf die Spitze. Er lässt einen anderen Teufel auf ihn zielen.
Das ist der Spaßterrorist der 68er, Fritz Teufel, Mitbegründer der legendären "Kommune 1" in Berlin und Mitglied der revolutionären "Bewegung 2. Juni". An der Stange hängend, feuert der ehemalige Kommunarde lachend mit einer Pistole auf den großen Spaichinger. Am Daumen hängt als Kasperlfigur noch mal der "ewige Erwin" (CDU-interner Spott), der Situation entsprechend mit angestrengterem Antlitz. Eine Anspielung auf das Spaßattentat Fritz Teufels mit Zaubertinte auf den FDP-Innenminister Matthöfer, gemäß dessen Maxime "Revolution muss Spaß machen, sonst macht ja keiner mit." Lenk lässt also einen Teufel mit einem Teufel auf einen Teufel zielen und spannt so einen Bogen von der 48er zur 68er Revolution und bis hin zu den heutigen Zuständen.
Die Schopfheimer kommen auch in dem Figurenkabinett vor - jedoch nur hündisch. Bei Hecker steht ein "zugelaufener, besonders bissiger Schopfheimer Mischling". Der habe, ist sich Lenk sicher, den großen Revolutionär in den amerikanischen Sezessionskriegen begleitet. In der Schlacht von Chancellorsville sei er den "Heldentod gestorben und ausgestopft worden". So kommt Schopfheim dann doch noch zu Revolutionsehren.

Zugelaufener, besonders bissiger Schopfheimer Mischling. Begleitete Hecker im amerikanischen Sezessionskrieg und wurde nach seinem Heldentod in der Schlacht von Chancellorsville ausgestopft.
