Auszug einer nichtöffentlichen Sitzung des Überlinger Kulturausschusses

Beschluss Nr. 28
Projektplan Sonderausstellung zum 80. Geburtstag von Martin Walser
Bürgermeister Lutz betont, dass der 80. Geburtstag ein einmaliges Ereignis sein und für die Stadt eine große Chance biete, die es zu nutzen gelte. Bei Martin Walser handle es sich aktuell sicherlich um einen der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. Dieser sei prinzipiell mit dem Ausstellungskonzept einverstanden. Die Ausstellung werde sicherlich sehr viel Aufmerksamkeit in den regionalen wie überregionalen Medien erregen. Dies wäre gut für die Medienpräsenz der Stadt. Zudem würde man seitens der Stadtverwaltung auch daran arbeiten, eine Vorpremiere des Films „Ein fliehendes Pferd“ nach Überlingen zu bekommen. Problematisch könnte allerdings die Geschichte mit dem Lenk-Brunnen sein. Für den Zeitraum der Ausstellung sei an eine Verhüllung gedacht, die eventuell zu einem zusätzlichen Event werden könnte. Er betont, dass die Idee noch innerhalb des Ausschusses verbleiben sollte, da man wegen diesem Anliegen mit Herrn Lenk sprechen müsse. Hierbei sei sicherlich viel Diplomatie nötig, um ihn nicht von vornherein schon zu verärgern. Es sei nicht auszuschließen, bei Herrn Lenk auf Ablehnung zu stoßen. Bezüglich der gesamten Ausstellung hält er die Vermarktung für entscheidend.
Danach erläutert Dr. Brunner die Konzeption. Die letzte Ausstellung über Martin Walser sei im Jahr 2005 in München zu sehen gewesen. Nach der letzten Sitzung im November sei er zu einem dreistündigen Gespräch im Hause Walser gewesen. Dieses sei im Sinne der Sache sehr positiv verlaufen. Allerdings werde parallel zur Ausstellung in Überlingen der Bodenseekreis ebenso eine solche über Walser in Salem durchführen. Jedoch werde die Thematik anders präsentiert. Im neuen Museum in Salem werde die Ausstellung von München mit stark autobiographischem Akzent gezeigt. Walser wolle momentan bei der Ausstellung in Überlingen vor allem seine Texte vermarkten. Es gebe auch Bestrebungen, persönliche Dinge aus dem Hause Walser zu zeigen, um so zusätzliche Besucher anzulocken. Für die Ausstellung seien ferner prominente Leihgaben und bedeutende Kunstwerke zum Thema nötig. Hierbei sei vor allem Leute aus Walsers Freundeskreis, wie an Werner Tüpke, gedacht. Allerdings müsse darauf aufmerksam gemacht werden, dass es sich bei diesem um den „DDR-Künstler“ schlechthin handle. Das Grundkonzept sei, die Dichtung und die Kunst ein wenig wie einen Wettstreit darzustellen. Flankierend müsse zusätzlich ein Film gezeigt werden. Walser wünsche den Film der „Ich-Erzähler“. Man müsse daher schauen, ob man diesen Film herbekomme. Die Familie Walser wolle möglichst Kosten für die Stadt vermeiden, was die Ausstellung anbelangt und habe sich während des Gesprächs sehr kulant und entgegenkommend gezeigt. Allerdings wünsche Walser eine Verhüllung des Brunnens. Grundsätzlich wolle Walser die Ausstellung, was aber das Thema Brunnen angehe, sei er nach wie vor unverzeihlich. Um die Ausstellung besuchen zu können, fordere er die Abdeckung des Brunnens.
Stadträtin Kleffner findet das Konzept prima. Allerdings sei die Forderung Walsers die Statue einzuhüllen eine Katastrophe. Die Zeitungen würden dann nur noch über den Brunnen berichten. Dies werde dann auch Walser schaden. Sie will dann wissen, was denn angesichts der zur Verfügung stehenden Geldmittel alles gekürzt werde. Sie frage sich, für welchen kulturellen Event weniger Geld zur Verfügung stehen wird und ob es die Leopold-Sohien-Bibliothek treffen könnte. Wenn die Walser Ausstellung zur Durchführung komme, müsse sie auch richtig aufgezogen werden.
Ergänzend erklärt Stadträtin Lenski, dass sie sich dieser Meinung anschließe. Auch ihr gibt die Verhüllung zu Denken. Die Konzentration müsse letztlich auf der Ausstellung und nicht auf der Verhüllung liegen.
Stadtrat Rummel sagt, der Schuss werde für Walser definitiv nach hinten los gehen. Wenn er dies aber wünsche, so alle man es halt so handhaben.
Aus der Kulturzeitung Akzent Juni 2007
Interview von Peter Hotz mit Peter Lenk
Martin Walser: Der Unsterbliche als Bilderstürmer
Wie haben Sie erfahren, dass Walser Ihren Bodenseereiter am Landungsplatz in Überlingen verhüllen lassen wollte?
Durch ein Protokoll. Die Deutschen müssen Geheimes ja immer penibel protokollieren, damit es diejenigen, die es auf gar keinen Fall erfahren sollen, auch genauestens nachlesen können. In Filmen über den zweiten Weltkrieg sieht man, wie am Ende immer hektisch die Akten verbrannt werden. Erst die Bücher verfemter Literaten, ein paar Jahre später dann die eigenen Erzeugnisse. Das ist nicht ohne Ironie.
Warum, glauben Sie, ärgert sich Martin Walser so über sein Denkmal ("da bin ich unverzeihlich") ?
Eine Groteske stört die Ehrerbietung und den Ruhm, den die Welt den Großen spendet, wenn sie es trotz allem Ärger über diese Welt geschafft haben, achtzig zu werden. Titan Walser jedenfalls wünscht sich für sein steinernes Gedenken wohl eher gewaltige Bewunderung als gewaltiges Gelächter. Er erklärt dazu im Park Avenue vom März 07: "Ironie kann man doch nicht in Stein hauen! Es ist nicht für die Ewigkeit geeignet !"
Gibt es einen Bezug zu Walsers Roman " Ein fliehendes Pferd"?
Damit hat der Brunnen überhaupt nichts zu tun. Es geht um Glatteis, Nixen und die frei verwendete Ballade von Gustav Schwabs Bodenseereiter.
Mögen Sie Walser nicht?
Als Literaten schätze ich ihn, sonst säße er auf Empfehlung eines bekannten Kritikers verkehrt herum auf dem Klepper. Das wollte ich ihm nicht antun.
Können Sie sich vorstellen, wie für Walser ein würdigeres Denkmal auszusehen hätte?
Walser mäkelte gegenüber der Badischen Zeitung vom 2.10.04. " Die Hofbildhauer Friedrich des Großen und Kaiser Wilhelms hätten ihre Objekte billigenswerter dargestellt." Er gibt da eine herrschaftliche Richtung vor, aber er verpasst eine solche Darstellung durch seine eigenen Worte. "Kauere dich bis du nicht mehr treffbar bist", die Existenz auf den "kleinstmöglichen Nenner zusammengeschnurrt", so habe er in schlimmen Augenblicken widerstanden. Das hat mir eingeleuchtet und genau so hockt er auf dem Pferd ?getroffen von der eigenen Moralkeule , die am Ende jeden trifft, der sie schwingt. Ein Eiskunstläufer zu Pferde, auf den zugefrorenen Seen Deutscher Geschichte. Darin liegt eben nichts Majestätisches. Es ist auch keine „Darstellung des normal Entsetzlichen als etwas Schönes ", wie es der Dichter dem Maler Grützke in seine Arbeit hineinwalsert. Martin Halter hat es in der FAZ vom 29.5. so ausgedrückt: "Der Weg zur authentischen Unsterblichkeit ist mit Portraits gepflastert, die man leider nicht immer selber inszenieren kann." Dagegen hilft auch kein Verhüllen.
Aus der Badischen Zeitung vom 02.Oktober 2004 von Stefan Hupka
...Dichter Walser war von seinem Ebenbild, wie Lenk es schuf, nicht amüsiert.
Er habe extra seinen Friseur gewechselt, " klagte er, „damit ich da nicht mehr vorbeikommen muss", verstieg sich zu einem Vergleich mit Friedrich dem Großen und Kaiser Wilhelm und fügte mäkelnd hinzu, er nehme an, „dass deren Hofbildhauer ihre Objekte billigenswerter dargestellt haben. Da wohnt man 30 Jahre lang in einer Stadt, und dann stellen sie einfach so etwas auf. Wäre ich Bürgermeister, ich hätte den, um den es geht, wenigstens einmal angerufen."
Ü ber ein solches Feedback kann sich Peter Lenk kaputtlachen. Das genau ist es, was ihm den Spass an der Arbeit erhält.
„ Wenigstens einmal angerufen?" Genießerisch zitiert der gebürtige Nürnberger in seiner Dialektmixtur aus Schwäbisch und Fränkisch erst den beleidigten Dichter - und dann einen anderen, nämlich Goethe: „Es wird einem nichts erlaubt, man muss es sich nur selber erlauben. Dann lassen sich's die anderen gefallen oder nicht."
Das ist Peter Lenks Lebensmotto:
Nicht um Erlaubnis fragen, sondern machen.
Der Spiegel 17.02.2004
Martin Walser, 76, Schriftsteller ("Tod eines Kritikers"), hat an einem ihm gewidmeten Reiterdenkmal in seiner Heimatgemeinde keine Freude. Die "Bodenseereiter" geheißene sechs Meter hohe Betonskulptur war von dem Bildhauer Peter Lenk vor viereinhalb Jahren in Überlingen enthüllt worden (SPIEGEL 26/1999). Sie zeigt den Dichter mit Schlittschuhen statt festem Schuhwerk, reitend auf einer widerspenstigen Mähre. Walser sei, so hatte der Bildhauer seinerzeit sein Werk erklärt, ein "Eiskunstläufer zu Pferde auf den zugefrorenen Seen deutscher Geschichte. Er steigt erst ab, wenn das Eis gefährlich dünn wird, dann dreht er seine Pirouetten". In einem Interview mit dem Magazin "Profil" behauptet der Dichter nun, er habe sich "das Denkmal jedenfalls nie angeschaut". Mehr noch, er gehe "dort, wo es steht, nicht mehr hin". Sogar seinen Friseur habe er gewechselt, "damit ich da nicht mehr vorbeikommen muss". Walser fassungslos: "Da wohnt man 30 Jahre in einer Stadt, und dann stellen sie einfach so etwas auf." Bildhauer Lenk hatte bei der Enthüllung geglaubt, "Walsers Sinn für Ironie" werde ihm "schon über die Denkmalisierung hinweghelfen".
Der Spiegel 28.Juni 1999
Martin Walser, 72, Schriftsteller ("Ein fliehendes Pferd"), muß für die nächste Zeit als betongewordener Reiter über den Bodensee. Peter Lenk, 52, Bildhauer, mit ausgeprägtem Sinn für das Groteske im Alltag, enthüllte am vergangenen Samstag in Überlingen am Bodensee eine sechs Meter hohe Beton-Skulptur, die den Dichter mit Schlittschuhkufen auf einer widerwilligen Mähre reitend zeigt. Weder die Oberen der Kommune noch der Dargestellte selbst wussten bis zuletzt, wem Lenk mit seiner Skulptur da ein Denkmal setzt. "Bodenseereiter" nennt der Bildhauer sein Werk und erklärt in Flugblättern dem Volk den Sinn. Der "Dichter" Walser, natürlich "unsterblichkeitsberechtigt", sei ein "Eiskunstläufer zu Pferde auf den zugefrorenen Seen Deutscher Geschichte. Er steigt erst ab, wenn das Eis gefährlich dünn wird, dann dreht er seine Pirouetten". Lenk glaubt fest, "Walsers Sinn für Ironie" werde ihm "schon über die Denkmalisierung hinweghelfen".

